Die Portraitfotografie gilt als Königsdisziplin unter Fotografen. Kein Wunder – hierbei kommt es nicht nur auf das Geschick mit der Kamera an, sondern vor allem darauf, das Model bei Laune zu halten, es in die optimale Posen zu dirigieren und dann im richtigen Moment abzudrücken. Bei der Portraitfotografie möchte man nicht nur eine schöne Aufnahme, sondern will einen Menschen in einem ganz besonderen Licht dastehen lassen. Mal besonders attraktiv, mal sehr interessant, vielleicht aber auch etwas bedrohlich oder ängstlich. Wer die Portraitfotografie gut beherrscht, ist nicht nur im Freundeskreis hoch gefragt. Er kann Menschen darstellen, wie es kaum sonst jemand vermag und den Personen auf den Fotos eine ganz eigene Note geben. Die folgenden Tipps zur Portraitfotografie werden dir helfen, beim nächsten Shooting sehr viel bessere Bilder zu machen und zeigen dir, worauf man alles achten kann.

Frauenportrait mit Gitarre

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Grundlegende Tipps und Tricks zur Portraitfotografie

Wer noch nicht so erfahren in der Portraitfotografie ist, sollte am besten im Freien starten. Aufnahmen in der Wohnung gestalten sich oft schwierigen, vor allem, da dort meist wenig Platz ist und das Kunstlicht ungünstige Schatten werfen kann. Am einfachsten ist es, sich einen Schattenplatz zu suchen, der einen schönen Hintergrund bietet. Mauerwände oder Pflanzen bieten sich optimal hierfür an. Bei der Portraitfotografie sollte die Kamera auf die Selektive Lichtmessung eingestellt sein, damit das Gesicht richtig belichtet wird. Die Scharfstellung erfolgt immer auf den Augen oder, wenn das Model gedreht steht, auf dem vorderen Auge. Als Betrachter fällt unser Blick zuerst auf diese Partie des Gesichts, daher ist hier Schärfe besonders wichtig.

Ein Markenzeichen der Portraitfotografie ist ein schönes Bokeh, also ein unscharfer Hintergrund. Wer eine Blende im Bereich von 2,0 bis 3,5 wählt, ist auf der sicheren Seite. Schafft das Objektiv sogar eine kleinere Einheit, kann auch diese ausprobiert werden. Allerdings ist dann ein prüfender Blick auf den Bildschirm Pflicht, denn schnell können ungewollt schon die Ohren oder die Nasenspitze unscharf sein.

Die richtige Vorbereitung bei der Portraitfotografie

Portraitfotografie einer Frau

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Bei der Portraitfotografie steht – im Gegensatz zur Landschafts- oder Architekturfotografie – der Mensch im Vordergrund. Diese Regel klingt banal, ist jedoch alles entscheidend, damit sich dein Portraitfoto qualitativ von denen anderer Hobbyfotografen abhebt. Schon bevor das Model am Set erscheint, muss die Technik stimmen. Wer mit einer Lichtanlage arbeitet, sollte diese vorher aufbauen und testen. Wird nur mit einer Kamera und ohne weiteres Equipment gearbeitet, kann man im Vorfeld des Shootings bereits die Blende und den Weißabgleich festlegen, ggf. Filter aufsetzen oder den Blitz testen. Wichtig bei der Portraitfotografie ist darüber hinaus Atmosphäre und die Umgebung. Welcher Hintergrund passt besonders gut? Wie steht die Sonne und wo ist dementsprechend ein guter Schattenplatz? Wo kann ich ungestört arbeiten, ohne dass mein Model von Passanten oder anderem abgelenkt wird? All diese Fragen sollte man klären, bevor die eigentliche Portraitfotografie losgeht. Dazu ist es für ein stringentes Arbeiten hilfreich, bereits einige Motive oder Posen im Kopf zu haben. So muss man sich beim Shooting keine Gedanken mehr darüber machen und kann sich ganz auf das Model konzentrieren.

Am Set: Portraitfotografie wie bei den Profis

Sind die Vorbereitungen abgeschlossen, die Technik funktionsbereit und das Model da – dann kann es ja losgehen mit der Portraitfotografie. Am besten bietet sich ein Glas mit einer Brennweite von 50mm bis 130mm an. Dies hat den Vorteil, dass man dem oder der Fotografierten nicht zu sehr auf den Leib rücken muss. Vor allem aber, und das ist bei der Portraitfotografie noch viel wichtiger, geben diese Brennweiten die Proportionen am besten wieder und man erhält keine Aufnahmen mit zu großen Ohren oder zu kleiner Nase.

Wer mit unerfahrenen Models arbeitet, sollte nichts überstürzen. Teste zunächst ein paar einfache Posen und arbeite dich an die Zielpose heran. Dabei kann es auch helfen, eine kleine Geschichte nachzuspielen oder Requisiten zu benutzen. Wer Jungen oder Mädchen beispielsweise einen Luftballon gibt, wird später wunderbar lachende Kinderaufnahmen bekommen. Hast du bei der Portraitfotografie Schwierigkeiten, einen passenden Ausschnitt zu finden, kannst du dich gut an der 2/3-Regel orientieren. Probiere es auch einmal aus, nur den Haaransatz an der Stirn mit aufs Foto zu nehmen, nicht aber den Kopf bis zur Spitze. Während des gesamten Shootings gilt es darauf zu achten, ob sich dein Gegenüber wohl fühlt. Ist ihr beispielsweise zu kalt oder zu warm oder das Lächeln eingefroren? Bei der Portraitfotografie muss der Fotograf für solche Dinge ein Gespür entwickeln und dem entgegenwirken. Kleine Pausen, etwas zu Trinken oder ein Snack können manchmal Wunder bewirken.

Eine Regel solltest du für deine Portraitfotografie auf jeden Fall beachten: Reden ist definitiv erlaubt. Dem Model macht das Shooting gleich viel mehr Spaß, wenn es das Gefühl hat, dass du dich für sie oder ihn auch interessierst und nicht nur ein paar Fotos machen willst. Es lockert die Atmosphäre unglaublich auf und manchmal erfährt man Dinge, die man gleich umsetzen kann. Ist dein Gegenüber vielleicht begabte Kunstturnerin, kannst du auch tolle Figuren oder einen Handstand in die Portraitfotografie einbauen.

Hier stellt Stephan Wiesner, einer der führenden deutschsprachigen Portraitfotografen, eine tolle und gleichzeitig einfache Methode für gute Portraitfotos vor. Viel Spaß beim Anschauen!
Wer noch mehr von Stephan Wiesner sehen möchte, sollte sich seinen YouTube-Kanal ansehen.

Nachbearbeitung in der Portraitfotografie

Ist das Fotoshooting vorbei und du glücklich wieder zu Hause, kann man durch einige Nachbearbeitung noch viel aus den Aufnahmen herausholen. Dabei gilt bei der Portraitfotografie jedoch eine wichtige Regel: Nicht übertreiben. Kein Mensch will sich hinterher auf dem Foto nicht wiedererkennen. Kleine Schönheitskorrekturen sind dagegen erlaubt und durchaus im Sinne des Models.

Die Portraitfotografie lebt davon, dass man Personen von ihrer besten Seite zeigt. Störende Hautunreinheiten, Pickel, Borstenhaare oder dunkle Augenränder lassen sich am besten mit einem Bildbearbeitungsprogramm wie Gimp oder Photoshop entfernen. Doch auch dem Hintergrund sollte man einige Minuten widmen. Durch die Unschärfe lassen sich leicht Elemente wegstempeln, die aus versehen hineingeraten sind, beispielsweise Spaziergänger oder ein fahrendes Auto. Bei lächelnden Personen lohnt sich ein Blick auf die Zähne. Sind die etwas gelblich, hat ein bisschen Aufhellen noch keiner Portraitfotografie geschadet. Auch der Ausschnitt lässt sich im Nachhinein wunderbar anpassen. Zoome etwas in das Bild hinein, dann liegt der Fokus weit mehr auf der Person als auf dem Hintergrund und Details sind besser zu erkennen. Möchtest du dem Menschen, der bei der Portraitfotografie Model gestanden hat, noch eine Freude machen? Dann lass ein besonders gutes Foto hochwertig abziehen und überreiche es persönlich. So sieht man nicht nur gleich die Freude in den Augen, sondern behält auch den persönlichen Kontakt und kann beim nächsten Shooting gern noch einmal anfragen.

Experten-Tipp
Wie gut die Nachbearbeitung wird, hängt in großen Teilen mit dem verwendeten Programm zusammen. In unserem großen Test stellen wir die wichtigsten mit ihren Vor- und Nachteilen vor.

 

Die größten Fehler bei der Portraitfotografie

Die Portraitfotografie lebt von der Interaktion mit dem Model. Dazu gehören nicht nur klare und verständliche Anweisungen, sondern vor allem ein lockeres Gespräch, bei dem quasi nebenbei fotografiert wird. Die besten Bilder entstehen in einer lockeren Atmosphäre und dazu gehört, folgende Fehler auf jeden Fall zu vermeiden:

1. Das Model merken lassen, wenn ein Bild nichts geworden ist. Schaue nie auf dein Display und stöhne genervt oder sage Sätze wie „Oh, das sieht jetzt aber ganz komisch aus“. Der oder die Fotografierte wird sich davon stark beeinflussen lassen, danach gezwungener aussehen und im schlimmsten Fall keine Lust mehr auf das Shooting haben. Dagegen hört sich ein „Das sieht schon sehr gut aus, aber das bekommen wir noch besser hin“ viel lymphatischer an.

2. Halte dich nicht an starren Regeln fest. Die Portraitfotografie lebt davon, dass konventionelle Fotografiegesetze gebrochen werden. Schieße ruhig einige Bilder mit zu hoher oder zu niedriger Belichtungszeit, und schon entstehen High-Key- oder Low-Key-Aufnahmen. Zoome nah in das Gesicht des Models hinein und wähle einen ganz kleinen Ausschnitt, der nur die Augen, Nase, Mund und den Haaransatz umfasst. Die Wirkung ist beachtlich. Oder nutze bei der Portraitfotografie absichtlich ein falsches Objektiv wie ein Weitwinkel oder ein Ultra-Tele. Schon werden die Proportionen verzerrt und man erhält ein lustiges Portraitfoto mit zu großer Nase oder zu großen Ohren.

3. Portraitfotografie sollte auf Augenhöhe geschehen – und das ist nicht nur metaphorisch gemeint. Vor allem bei Kindern ist es wichtig, diese nicht von oben zu fotografieren. Gleiches gilt bei besonders großen Personen, nur umgekehrt. Zwar gibt es durchaus Ausnahmen, die eine unkonventionelle Position der Kamera rechtfertigen, doch sollte sich bei der Portraitfotografie der Fotograf generell auf Augenhöhe des Models befinden. Dabei darf man durchaus ein klein wenig nach oben oder unten abweichen um zu experimentieren – es sollte sich jedoch im Rahmen halten.

4. Niemals vergessen: Das Model steht im Vordergrund. Das bedeutet im Umkehrschluss – alles unwichtige raus aus dem Bild. Zoome nach in das Model rein oder gehe näher ran. Wer trotzdem noch etwas Hintergrund auf dem Foto haben möchte, tut gut daran, diesen verschwimmen zu lassen. So kann sich das Auge des Betrachters ganz auf die abgebildete Person konzentrieren. Der Schlüssel liegt hierbei in einer möglichst großen Blende.

5. Licht und Schatten sind deine Freunde, also nutze sie bei der Portraitfotografie gekonnt. Wer einfach nur mit dem Blitz frontal das Model beleuchtet, bekommt nicht nur rote Augen, sondern auch ein sehr flaches Gesicht, da es keine Schatten aufweist. Fällt dagegen dagegen die Sonne oder der Blitz so, dass helle und dunkle Bereiche im Gesicht zu sehen sind, macht es das Portrait dynamisch.